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Resilienz: Was ich aus Verletzung und Nichtselektion gelernt habe
Resilienz heisst für mich nicht, Rückschläge wegzustecken. Was ich aus einem Karriere-Aus, Verletzungen und einer Nichtselektion gelernt habe.
Wenn von Resilienz die Rede ist, hört man oft Sätze wie «Hinfallen, aufstehen, weitermachen». Das klingt gut und ist nicht falsch. Aber es beschreibt nur die Hälfte.
Ich habe in meiner Sportzeit einige Rückschläge erlebt: das Ende meiner Turnkarriere wegen des Knies, Verletzungen, eine Nichtselektion. Was mich daraus weitergebracht hat, war selten das blosse Durchbeissen. Meistens war es etwas Leiseres.
Das Aus, das sich anders anfühlte als erwartet
Ich war 15, als mir der Arzt sagte, dass mein Knie das Kunstturnen nicht mehr mitmacht. Neun Jahre hatte ich geturnt, seit ich sechs war.
Von aussen sah das nach einem harten Schnitt aus. Ehrlich gesagt war es für mich «eigentlich okay». Die Freude am Turnen war schon ein Stück weit verloren gegangen. Gefehlt hat mir dann vor allem das Team, der regelmässige Austausch mit allen.
Das war meine erste Lektion: Ein Rückschlag fühlt sich nicht immer so an, wie andere es erwarten. Wer mit verletzten oder enttäuschten Menschen arbeitet, ob als Physiotherapeutin, Trainer oder Führungskraft, sollte deshalb zuerst fragen und nicht annehmen. Was fehlt dir jetzt am meisten? Die Antwort kann überraschen.
Eine Pause gab es nicht. Noch im selben Jahr kam ich über den UBS Kids Cup zur Leichtathletik, wo mein Talent erkannt wurde. Zwei Jahre später startete ich an der U18-EM über 400 m.
Verletzungen gehören dazu – und der Physio auch
Im Leistungssport gehören Verletzungen dazu. Das ist eine nüchterne Feststellung, keine Klage. Bei sechs bis sieben Trainings pro Woche ist der Körper ständig an der Grenze dessen, was er verträgt.
In dieser Zeit war der Physio meist die Person, die sagte: «Lieber jetzt nicht.» Das war nicht immer einfach zu hören, gerade wenn ein wichtiger Wettkampf näher rückte. In der Vorbereitung auf die U18-EM gab es mehrere solche Momente. Im Nachhinein war ich in mehreren dieser Momente froh, dass ich auf ihn gehört habe.
Daraus habe ich gelernt, dass Resilienz auch heisst, eine unbequeme Einschätzung von aussen anzunehmen. Wer nur auf den eigenen Willen hört, riskiert manchmal den nächsten, grösseren Rückschlag.
Die Nichtselektion: wieder klein anfangen
Ein Rückschlag ganz anderer Art war eine Nichtselektion, zum Beispiel für die Cross-Europameisterschaft. Da ist kein Knie, das man behandeln kann, und kein Arzt, der eine Diagnose stellt. Man ist einfach nicht dabei.
Was danach passiert ist, hat mich selbst etwas überrascht: Meine Motivation wurde höher, nicht tiefer. Gleichzeitig musste ich wieder lernen, mit kleineren Dingen zufrieden zu sein. Nicht jedes Training führt zu einer Selektion. Aber jedes Training kann ein Stück besser sein als das letzte.
Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten nach einem Rückschlag: den Massstab vorübergehend kleiner zu machen. Wer nach einer Enttäuschung sofort wieder am grossen Ziel misst, sieht nur die Lücke. Wer kleinere Etappen setzt, sieht Fortschritt.
Wenn der grosse Moment nicht ganz gelingt
Auch die U18-EM 2022 in Jerusalem war nicht nur Erfüllung. Nach zwei Jahren Vorbereitung wollte ich auf der grossen Bühne abliefern. Es war sehr heiss, ich war nervös, und am Ende lief ich etwa die fünftschnellste Zeit meiner Saison.
Das war kein dramatischer Rückschlag, aber einer, den viele kennen: Man arbeitet lange auf einen Moment hin, und dann zeigt man nicht ganz das, was man kann. Geholfen hat mir eine Gewohnheit, die mich bis heute begleitet. Bevor ich andere um Feedback frage, gebe ich mir selbst ein Feedback. Was lief gut? Was war der Druck, was die Hitze, was lag in meiner Hand? Erst danach kommt die Sicht der Trainerin oder des Trainers.
Diese Reihenfolge hilft mir, einen Rückschlag weder schönzureden noch zu dramatisieren.
Was ich aus Rückschlägen mitnehme
Wenn ich meine Erfahrungen zusammenfasse, bleiben für mich vier Punkte:
- Fragen statt annehmen. Ein Rückschlag fühlt sich für jeden anders an.
- Unbequeme Stimmen ernst nehmen. Das «lieber jetzt nicht» des Physios war oft das Wertvollste.
- Den Massstab vorübergehend kleiner machen. Kleine Fortschritte halten die Motivation am Leben.
- Zuerst selbst reflektieren, dann Feedback holen. So wird aus einer Enttäuschung eine Lernschlaufe.
Resilienz ist für mich keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Sie entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen, oft genau dann, wenn man sich noch nicht bereit fühlt. Und sie entsteht selten allein: Hinter mir standen Trainingsgruppe, Physio, Familie, Verein, Trainerinnen und Trainer.
Über diese Erfahrungen spreche ich im Vortrag «Mut, bevor es sicher ist» für Teams und Führungskräfte und im Impuls «Vom Aus zur U18-EM» für Fortbildungen in Physiotherapie, Medizin und Sport. Wenn Sie für Ihr Publikum eine ehrliche Innensicht auf Rückschläge suchen, freue ich mich über Ihre Nachricht.


