Blog · · 4 Min. Lesezeit
Generationen im Team: Warum die Unterschiede kleiner sind als gedacht
Boomer, Gen X, Millennials, Gen Z – die Schubladen sind bequem, aber wenig belegt. Was die Forschung sagt und was in altersgemischten Teams tatsächlich hilft.
In meinem Arbeitsalltag bin ich fast immer der Jüngste. Als Management Associate bei einer grossen Versicherung arbeite ich in Teams, in denen die anderen meist über 50 sind.
Man könnte meinen, dass da ständig Welten aufeinanderprallen. Mein Eindruck ist ein anderer: Die Unterschiede, die wir den Generationen zuschreiben, sind im Alltag oft kleiner als erwartet. Und die Forschung gibt diesem Eindruck recht.
Was die Forschung über Generationen sagt
Die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine in den USA haben 2020 untersucht, ob sich Generationen am Arbeitsplatz verlässlich unterscheiden. Ihr Fazit: Die Belege für solche Unterschiede sind dünn, und Generationen als Kategorien eignen sich schlecht, um Personalentscheide darauf zu stützen.
Zu einem ähnlichen Schluss kommen Rudolph und Kollegen (2021) in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit. Unterschiede zwischen Generationen sind kaum belegt. Was wir als «typisch Gen Z» oder «typisch Boomer» wahrnehmen, hat oft mehr mit Alter, Lebensphase und der einzelnen Person zu tun als mit dem Geburtsjahrgang.
Das heisst nicht, dass es in altersgemischten Teams keine Reibung gibt. Es heisst nur: Die Erklärung «das ist halt die andere Generation» greift meistens zu kurz. Und sie verhindert, dass man über das eigentliche Problem spricht.
Was in meinen Teams wirklich den Unterschied macht
Wenn ich zurückschaue, wo es bei mir geknirscht hat, war das Alter selten der Kern. Ein Beispiel: Ich habe vor der Geschäftsleitung ein strategisches Projekt präsentiert, das bestehende Abläufe verändert hätte. Die Reaktionen im Raum waren eher zurückhaltend.
Es wäre einfach gewesen, das auf den Altersunterschied zu schieben. Tatsächlich war das Thema politisch, es berührte Zuständigkeiten und gewachsene Abläufe. Gelernt habe ich daraus vor allem eines: Kommunikation und Stakeholder-Management sind entscheidend. Das gilt für einen 21-Jährigen genauso wie für jemanden mit dreissig Jahren Erfahrung.
Was Zusammenarbeit über Altersgrenzen hinweg aus meiner Sicht trägt, sind ganz andere Dinge:
- ob man die Ziele und Spielregeln kennt, die im Raum gelten
- ob Erfahrung geteilt wird, statt nur vorausgesetzt
- ob neue Ideen eine echte Chance bekommen, bevor sie bewertet werden
- ob man sich als Mensch kennt und nicht nur als Funktion
Beziehungen halten Menschen im Team
Der letzte Punkt wird oft unterschätzt. Die Deloitte Gen Z and Millennial Survey 2026 liefert dazu eine Zahl, die ich bemerkenswert finde: Von den befragten Gen Z mit einer engen Freundschaft im Team wollen 48 % mindestens fünf Jahre bei ihrem Arbeitgeber bleiben. Ohne eine solche Freundschaft sind es 33 %.
Das ist kein Generationenthema. Dass Beziehungen bei der Arbeit zählen, dürfte für die meisten von uns gelten, egal welchen Jahrgangs. Aus dem Sport kenne ich das gut. Als ich nach neun Jahren das Kunstturnen wegen meines Knies aufgeben musste, hat mir vor allem eines gefehlt: das Team, der regelmässige Austausch mit allen. Ich habe Turnen immer als Teamsport erlebt.
Später, in der 3×1000-m-Staffel, wurde dieses Gefühl noch greifbarer. In der Wechselzone gehen Emotionen und Druck über, aber auch die Freude, etwas für das Team weiterzutragen. Mit dieser Staffel liefen wir einen U18-Schweizer-Rekord. In altersgemischten Teams im Büro ist es ähnlich: Man gibt etwas weiter, und es kommt darauf an, wie gut die Übergabe klappt.
Jung im Vorstand: Verantwortung statt Titel
Besonders deutlich sehe ich das im Ehrenamt. Im Vorstand des Innerschweizer Leichtathletikverbands verantworte ich Kommunikation, Sponsoring und Projekte. Ich bin selbst auf den Vorstand zugegangen, weil ich nach meiner Sportkarriere etwas zurückgeben wollte.
Meine Erfahrung daraus: Junge Leute bleiben nicht wegen eines Titels, sondern wegen echter Verantwortung. Viele Vereine und Verbände suchen Nachwuchs für ihre Gremien. Oft liegt es nicht daran, dass Junge kein Interesse hätten. Sondern daran, dass die Rolle wenig Gestaltungsspielraum bietet, die Einarbeitung fehlt oder die Sitzungskultur wenig einladend ist.
Auch hier hilft der Blick weg von der Generation und hin zur konkreten Situation: Was erlebt eine neue Person in den ersten drei Sitzungen? Hat sie ein eigenes Projekt? Weiss sie, wen sie fragen kann?
Drei Fragen für Ihr nächstes Teamgespräch
Wer die Zusammenarbeit der Generationen verbessern will, muss nicht mit einem Workshop über Generationenprofile beginnen. Oft reichen ein paar ehrliche Fragen:
- Wo haben wir zuletzt einen Konflikt dem Alter zugeschrieben, obwohl es eigentlich um etwas anderes ging?
- Welche Erfahrung im Team wird zu wenig geteilt, und welche neue Sicht wird zu wenig gehört?
- Wie gut kennen wir einander, abseits der Aufgaben?
Die Antworten sind meist aufschlussreicher als jede Einteilung in Jahrgänge.
Über diese Fragen spreche ich in den Vorträgen «Der Jüngste im Raum» für Unternehmen und «Jung im Vorstand» für Vereine und Verbände. Wenn Sie in Ihrem Team oder Gremium an diesem Thema arbeiten, schreiben Sie mir gern, wo es bei Ihnen gut läuft und wo es knirscht.


